Ein Pfand zerstört das bewährte Sammelstellennetz

Ein Pfand zerstört das bewährte Sammelstellennetz

Nationalrat Alois Gmür fordert ein Pfand auf alle Getränkeflaschen und -dosen. So will er das Littering- Problem lösen und Mehrwegflaschen fordern. Die Fakten zeigen aber: Ein Pfand hilft nicht, sondern wurde gar ohne Not die bewahrten Separatsammlungen für Getränkeverpackungen zerstören.

Der Schwyzer CVP-Nationalrat Alois Gmür fordert mit einer parlamentarischen Initiative die Einführung eines Pfandes auf alle Getränkeflaschen und -dosen. Dies begründet er damit, dass mit einem Pfand die Littering-Problematik gelöst und der Mehrweganteil erhöht werden könnten. Beide Aussagen stehen im Widerspruch zur Faktenlage.

7000 statt 100’000 Recyclingmöglichkeiten

Eine dichte Sammelinfrastruktur gehört gerade im Unterwegskonsum zu den wirksamsten Massnahmen gegen Littering. Ein Pfand hingegen hätte zur Folge, dass Getränkeverpackungen nur noch an Pfandautomaten im Detailhandel zurückgegeben werden könnten. Alle Sammelstellen an Bahnhöfen, in den Werkhöfen der Gemeinden, in Schulen, Büros und im öffentlichen Raum hätten keinen Nutzen mehr und würden verschwinden. «Statt 100‘000 Sammelstellen gäbe es nur noch 7000 Rückgabemöglichkeiten», bestätigt Patrik Geisselhardt, Geschäftsführer von Swiss Recycling. «Leidtragende wären die Konsumentinnen und Konsumenten. » Besonders in ländlichen Regionen mit wenigen Detailhändlern, am Abend sowie an Sonntagen wäre es kaum mehr möglich, Getränkeverpackungen korrekt zu entsorgen. «Dies schwächt die Separatsammlungen. Denn wir riskieren damit, dass viele rezyklierbare Flaschen und Dosen im Abfall oder am Boden landen und folglich in einer KVA verbrannt statt in einer Recyclinganlage wiederverwertet werden», so Geisselhardt.

Geringer Anteil am Littering

Gemäss dem Bundesamt für Umwelt machen Take-away-Verpackungen, Zigarettenstummel, Flyer sowie Bruchstücke von Getränkeverpackungen (z. B. Scherben, Etiketten, Deckel) 93 Prozent des Litterings aus. Diese Gegenstände würden trotz Pfandsystem liegen bleiben. Um das Littering-Problem anzugehen, muss vielmehr der bewährte Massnahmenmix aus Sensibilisierung, dichter Sammelinfrastruktur und Littering-Bussen konsequent weiterverfolgt werden.

Keine Mehrwegforderung

Ähnlich sieht es bei der Mehrwegförderung aus. So ist in Deutschland der Anteil an Mehrwegflaschen seit der Pfandeinführung 2004 nämlich gesunken. Entsprechend hat das deutsche Umweltbundesamt bereits 2010 festgehalten, dass das Pfand nicht dazu beiträgt, den Mehrweganteil zu erhöhen: Der Entscheid für eine Mehrweg- oder Einwegverpackung erfolgt beim Kauf und kann nicht durch die Art des Rückgabesystems gesteuert werden.

Keine Lösung für die Schweiz

In Ländern, die über keine funktionierende Separatsammlung verfügen, kann ein Pfand eine sinnvolle Massnahme sein. Das Pfand ist aber kein wirksames Instrument, um die Littering- Problematik zu lösen oder um Mehrwegflaschen zu fördern. Stattdessen würde es ohne Not, und ohne einen Mehrwert zu erhalten, unsere weltweit einmalige Sammelinfrastruktur für Getränkeverpackungen zerstören.

Weitere Hintergründe zum Pfand finden Sie unter: kein-pflichtpfand.ch

Ein Pfand zerstört das bewährte Sammelstellennetz: 7000 statt 100’000 Recyclingmöglichkeiten

«Bei genau diesem System bleiben und es weiter optimieren.»

Pfand oder nicht Pfand – für Peter Sundt ist das nicht die Frage. Der Generalsekretär der EPRO (European Association Of Plastics Recycling & Recovery Organisations), erklärt im Interview, dass dies differenziert angeschaut werden muss. Eines ist für ihn aber klar: Die Schweiz sollte ihr erfolgreiches System nicht verlassen, sondern weiter verbessern.

Peter Sundt: Generalsekretär der EPRO (European Association Of Plastics Recycling & Recovery Organisations)
Peter Sundt: Generalsekretär der EPRO (European Association Of Plastics Recycling & Recovery Organisations)

PETflash: Herr Sundt, erneut wurde in der Schweiz eine Initiative eingereicht, welche auch das Pfand auf PET-Getränkeflaschen einführen will. Wie erachten Sie einen möglichen Wechsel vom bisherigen auf ein neues, mit einem Pfand ausgestattetes System?

Peter Sundt: In ganz Europa finden immer wieder ähnliche Diskussionen statt, wie ein optimales System für die Sammlung von PET-Getränkeflaschen aussehen könnte. Wenn ich die verschiedenen Lösungen in Europa miteinander vergleiche, sticht das Schweizer System sicherlich heraus. Für mich ist es das beste System mit einem herausragenden Sammelnetz, das den Konsumenten so weit entgegenkommt wie sonst nirgendwo. Versuchen Sie einmal hier bei uns in Norwegen, schnell eine PET-Getränkeflasche fachgerecht zu entsorgen - da muss man immer zuerst in einen Laden gehen.

Wie zeigt sich das Bild betreffend Pfand in Europa – gibt es zum Beispiel mehr Länder, die ein Pfand verlangen?

In Nordeuropa oder etwa in Deutschland haben wir ein Pfand. Das ist historisch gewachsen, und die Leute fühlen sich wohl damit – auch weil sie vielleicht nichts anderes kennen. Aber nur schon in den Niederlanden wird es kompliziert, weil bloss für einen Teil der Flaschen ein Pfand erhoben wird. Da erleben wir endlose Diskussionen zu diesem Thema. Ich muss aber noch auf einen anderen Faktor hinweisen: In keinem anderen Land wird so wenig Littering festgestellt wie in der Schweiz. Und wie bereits angetönt, ist kein anderes System in Europa so konsumentenfreundlich wie das schweizerische. Während in vielen Ländern die Thematik bei der Entsorgung angesiedelt ist, bewegt sich das Schweizer System auch dank einer kreativen und innovativen Kommunikation ganz nahe bei den Konsumenten. Das motiviert auch zum Sammeln, das machen die Zahlen ja ganz deutlich.

Was wären die Folgen eines Systemwechsels?

Das würde zuerst einmal ganz viel kosten. Und es würde zu vielen Reklamationen seitens der Konsumenten führen. Wenn ein System über Jahrzehnte bestens funktioniert, ist die Umstellung auf ein schlechteres System immer negativ belastet.

Was würden Sie der Schweiz empfehlen?

Bei genau diesem System bleiben und es weiter optimieren. Ein Wechsel macht bei diesen Rücklaufzahlen keinen Sinn.

Ist nicht zu erwarten, dass irgendwann einmal in ganz Europa das Sammeln und Rezyklieren von PET-Getränkeflaschen vereinheitlicht wird?

Natürlich gibt es seitens der EU einheitliche Vorgaben und Vorschriften, etwa das im letzten Frühling auf 2021 verabschiedete Verkaufsverbot von Einweg-Kunststoffartikeln, wie etwa Teller, Besteck, Strohhalme oder Wattestäbchen aus Plastik. Beim Sammeln und Rezyklieren gibt es Vorgaben zum Resultat, aber nicht zum Weg. Jedes Land entscheidet selbst, wie es dieses Ziel erreicht.

Mit einer Rücklaufquote von 83 Prozent verfügt das Schweizer PET-Getränkeflaschenrecycling über ein erfolgreiches System – wo sehen Sie noch Verbesserungsmöglichkeiten?

Bei den Getränkeflaschen wäre es sicher sinnvoll, herauszufinden, wo die restlichen 17 Prozent verbleiben. So, wie ich die Situation einschätze, landen diese nicht in der Natur, sondern vermutlich eher mit dem Haushaltabfall in der Verbrennung. 100 Prozent kann niemand erreichen. Interessanter ist sicher die Diskussion, wie man mit dem übrigen Plastikmüll besser umgehen könnte, da hinkt die Schweiz noch hinterher.