Der Erfolg von Recycling ist zukunftweisend: Wir können Probleme anpacken, ohne die Leute aus der Verantwortung zu nehmen.

Ludwig Hasler

25 Jahre PET Recycling Schweiz. Eine Erfolgsstory. Glückwunsch. Wie geht es weiter? Möchte man von mir hören. Habe leider keine Ahnung. Sehe nur, wie Menschen ticken. Und auf die wird es ankommen. Zukunft wird immer noch gemacht, nicht nur erlitten. Oder wird es zu riskant, wenn Menschen die Zukunft machen? Soll der Staat übernehmen? Sind die Probleme so komplex, dass nur noch staatliche Regulierung sie meistert – wie etwa die Kinder- & Erwachsenenschutzbehörde? … Huxley, Schöne neue Welt: Freiheit ist zu riskant, besser abschaffen, durch Glück ersetzen…

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Wie gesagt: Ich weiss es nicht. Ich weiss nur: Zukunft wird sein wie unsere Mentalität heute (Ausnahme: technologische Umwälzungen, z.B. Roboter, autonome Autos etc.). Mentalität heute? Beispiel: „Es gibt immer mehr Esskrankheiten in der Schweiz – was gedenkt der Bund zu tun?“ Tendenz wohlorganisierte Verantwortungslosigkeit … Es liegen leere Flaschen herum: Was gedenkt der Bund zu tun? Es gibt überhaupt zu viele Flaschen: Was gedenkt der Bund zu tun?

Vorschlag: Lassen wir uns die Freiheit nicht ausreden. Denken wir über Varianten nach: Varianten der Verantwortung & Verantwortungslosigkeit, von PET-Flaschen und Pfand, von Littering und Gebühren – von Freiheit und Sauerei … (evtl. Einstein & Schirm: Skepsis gegen totale Planung)

Im Kern lautet die Frage: Wie bringt man die Fraktion der Unbelehrbaren zur Vernunft, d.h. zu ökologischer Praxis? Die Vorschläge kennen Sie: Pflichtpfand (auf Glas, Alu, Pet), im Parlament abgelehnt, als regulative Idee nach wie vor lebendig, etwa in der Forderung einer Recycling-Quote oder dann im Vorschlag einer Littering-Gebühr…  Die überwiegende Mehrheit der CH-Sippe recycelt vorbildlich – stets mehr Glas, Pet, Alu. Allerdings landet auch immer mehr auf dem Müll (im Wald, am Strassenrand, im Wasser), relativ unter 10 % (Glas, Alu), 20 %  bei Pet. ACHTUNG  Kommentar: Interessant: der Littering-Anteil ist bei allen Fraktionen unter 5 %. Das macht das Ganze irgendwie noch absurder. Littering ist ein Riesenärgernis, der wahre Feind ist aber der falsche Kübel. …  Prima. Soll man nun (wie bei Schulen) das erfolgreiche System ändern – damit auch die Doofen mitkommen? Und wenn dann die Mehrheit abhängt? Sind 10 % Versager normal in jedem System? Die absolute Belastung (Umwelt, Kehrichtverbrennung) gefällt keinem, auch wenn Pet-Flaschen prächtig brennen; umso lästiger wirken sie in der Umwelt, da hält sich Plastik fast so lange wie ein Fass voller Atommüll, verstopft Fischen den Magen; auch die dumme Kuh, die auf unseren lieblichen Weiden Alu-Dosen futtert, kann daran elend krepieren.

Aus der Luft gegriffen sind die Vorstösse (Pfand, Quote, Gebühr) also nicht. Das Problem ist real, ökologisch wie ästhetisch. Die Frage ist, wie wir es mit Problemen halten. Früher galten Probleme als normal (unter irdischen Bedingungen), heute will man reinen Tisch (wie im Paradies). Hauptsache sicher, proper, korrekt. Winkt ein Risiko, greift der Staat ein – auch wenn er das Problem verschärft als löst, siehe Helmpflicht auf Skipisten … siehe Zwangsabgabe auf Flaschen (ruiniert die umweltfreundliche Gesinnung, mit der ich die Flaschen zur Sammelstelle bringe) … CH-Sippe als problemfreie Zone (Sisyphus in Pension)? Zwei Rezepte: 1. der regulatorische Overkill (besser wäre: Schilderwald abholzen). 2. Mimosen heranzüchten (Staat schützt uns vor uns selbst, vor Rauchen, sonntäglichem Konsum an Tankstellen etc.). Schafft natürlich ein neues: Man darf jetzt problemlos langweilig sein, doof, fantasielos, unproduktiv – nur rauchen darf man nicht; bald wohl auch nicht mehr zünftig essen. Wer gefährdet unsere Zukunft mehr: Raucher oder Langweiler? Dicke oder Deppen?

Am Umgang mit leeren Flaschen können wir prima studieren, in welcher Mentalität wir mit Problemen überhaupt umgehen. Wie problematisch ist ein Problem? Hängt von der Erwartung ab. Die einen erwarten die baldige himmlische Reinheit auf Erden. Ich halte es mit Friedrich Dürrenmatt: Die Welt ist eine Pulverfabrik, in der das Rauchen nicht verboten ist …  Wir neigen dazu, Probleme einzeln zu betrachten. Dabei wächst natürlich jedes Problem ins Unendliche. Augenmass? Kein Breitensport mehr. Schade. Es wäre oft schlauer, erst zu fragen: Ab wann ist das Problem ein Problem, das unbedingt weg muss? … Beispiel Prostata-Krebs, schlimm, klar, aber die meisten Männer sterben mit dem Krebs, nicht an ihm … Mit Problemen leben – können wir das noch? Lieber nicht. Hören wir vom Amoklauf im Mittleren Westen USA, bauen wir gleich unsere Schulhäuser um, sieben Fluchtwege müssen sein, die Weiterbildung der Lehrer wird der Amok-Prävention gewidmet. Erinnert mich an Karl Valentin, er sei in einen Bergwerkstollen umgezogen, da sei er sicher vor Meteoriteneinschlägen. Sind die nicht eher selten? „Bei mir geht Sicherheit vor Seltenheit.“

Verglichen damit sind leere Flaschen ein reales Problem. Also: Muss der Getränkehandel für 90 % saubere Entsorgung garantieren? Moment. Garantiert die SRG, dass 90 % des Schrotts, den sie verbreitet, folgenlos verpufft? Kann eine Branche die gesamte Verwertungskette verantworten? Sollte sie? Wäre gut für Reputation und so. Als ich noch für Zeitungen arbeitete, wurde ich schon sauer, wenn ich mein Blatt gebündelt am Strassenrand sah. Wer produziert schon gern für den Müll? Also Selbstregulierung der Hersteller/Händler? Gut für das Ethik-Image. Aber: Honoriert das der Konsument? Verkraftet es die Branche? Nichts als Fragen. Und was ist mit dem ganzen übrigen Dreck? Styropor? Gratis-Zeitungen? Plastik-Tüten? Spucke? Der ganz akustische Müll! Lärm, Gebrüll. Handygequatsche? Es gibt schlimmere Flaschen als leere.

Muss der Staat ran? Unser aller Amme, hält alles im Blick, alle an der Leine. Wird in privaten Angelegenheiten immer häufiger angerufen. Warum nicht hier: Stets mehr Pet auf Plätzen, Weiden, im Müll – was gedenkt der Bund zu tun? Gar nicht so einfach. Alle Vorschläge zweideutig: Pfand, Saubermach-Gebühr. Das Übel an der Wurzel packen? Pet/Alu verbieten, nur leicht verrottbares Material zulassen? Flaschen aus Pflanzen, auch für Kühe leicht verdaubar? Bioplastik statt Erdöl? Flaschen aus Zuckerrüben, Lebensmittelresten, Mais? Die britische Belu Water kam mit so einer Flasche, die italienische Sant`Anna auch, die Flasche ist aus PLA, einem Material, das theoretisch kompostierbar ist, de facto aber zu lange dazu braucht (und dabei das PET-Recycling killt, weil es die Recyclinganlagen verklebt).

Andere Radikalkuren? Von Singapur lernen? Null Toleranz! Erziehen! Der Staat, die Ordnungsmacht. Der Mensch, ein Störfall. „Aus krummem Holz geschnitzt“ (Kant). Schon körperlich: kurzsichtig, Plattfuss, lausiger Rücken. Der Mensch, ein Kompromiss zwischen Affe und Zweibeiner, unterwegs noch immer mit einem Kletterfuss (26 Knochenteilchen, notdürftig durch Bänder zusammengefasst) … Wie soll sich dieser Spätausläufer des Affen in der modernen Welt richtig verhalten? Es muss ihm eingebläut werden. Am besten gleich in der Kinderstube. Also: Eltern haftbar machen. Drastische Bussen für vernachlässigte Erziehungspflichten! … Passt dummerweise schlecht zum liberalen Staatsverständnis.  – Also nichts mit Radikalkuren. Bleiben Oberflächentherapien: Pflichtpfand, Litteringrappen.

Zum Pflichtpfand. Steigert die Sammelmoral? Nicht zwingend, sagen Kritiker. Eher umgekehrt. Zu wenig Rückgabestellen. Ergo: Hohe Recycling-Quote gefährdet. Leuchtet mir irgendwie ein. Warum ein erfolgreiches Konzept riskieren – wegen einer Minderheit, die eh besoffen ist?

Wenn aber das Pfand überall abzuholen wäre? Das älteste Kapitel der Pfand-Story: Liebes-Pfand, genauer: Sex als Pfand. Über Jahrhunderte für Frauen ein geläufiges Motiv: Sie willigen in ehelichen Sex ein – im Tausch gegen Bindung, Sicherheit. Pfand = Ausgleich zwischen etwas, das zu geben ich bereit bin (Sex), gegen etwas, das ich unbedingt brauche (Sicherheit). Ist das unbedingte Gut (Sicherheit) gesichert, wird das Pfand hinfällig. Sex als Pfand gab es, solange die Bindung nicht gesichert war.

Was ist am Flaschenpfand sexy? Den schönsten Gewinn haben Arbeitslose und Penner. Sonst tickt das Pfand nach dem 4/4-Takt des Homo oeconomicus: Der Mensch, das rationale Wesen, im Kern ein Rechner, verfolgt konsequent seinen Vorteil. Hinterlegt er ein Pfand, will er es auch lösen; also wird er sich ökologisch verhalten – nicht aus höherer Moral, sondern aus Berechnung. Stimmt das Menschenbild? Verhaltensökonomen (Ernst Fehr) zeigen: Wir sind emotionale Wesen, keine Rechenmaschinen, wir wollen uns in die Augen sehen können. Wir sind schockiert, wenn wir am TV sehen, wie viel Plastik im Meer treibt (und in Fischkörpern). Wir wären gern „gut“, hassen es jedoch, die Dummen zu sein: Petflaschen picobello entsorgen – der Nachbar kippt sie aufs Trottoir. Aus dieser Zwickmühle erlöst das Pfand. Es trifft auch den Kotzbrocken von Nachbar.

Doch sonst? Im Homo-oeconomicus-Schema fällt mancher durch. Verfolgt der Mensch stets seinen Vorteil? Er verfolgt das, was er für seinen Vorteil hält. Also ist, wer den Menschen für ein rationales Wesen hält, selber schuld. Gerade in Finanzdingen. Jeder Depp weiss: Aktien soll man billig kaufen und teuer verkaufen. Doch Anleger sind auch nur Menschen. Menschlich ist, nicht jede Entscheidung im Kopf zu treffen. Sondern mal dem Bauch zu folgen. Oder der Meute. Dann werfen wir – herdeninstinkt-gesteuert – von einer Sekunde zur nächsten unsere vernünftigen Ansichten über den Haufen, greifen gierig zu, wenn die Kurse steigen, stossen panikartig ab, wenn sie fallen. Als schaltete der Verstand automatisch ab.

Wie sollte dieser komische Vogel im Kleinen superrational handeln? Die Neuroökonomie, eine der jüngsten Wissenschaftsdisziplin, untersucht, wie das Hirn bei wirtschaftlichen Entscheiden tickt: Im Umgang mit Geld haben analytischen Hirnregionen einen schweren Stand gegen die geballte Macht archaischer Schaltkreise. Wittert das Hirn einen Gewinn, feuern dieselben neuronalen Schaltkreise, die bei Sex und Drogenkonsum aktiv sind – und der vermeintlich kühle Kopf schaltet reflexartig auf Erregung und Gier. Wittert das Hirn aber einen Verlust, feuern dieselben Hirnregionen wie bei der Begegnung mit wütenden Tigern, und das Hirn schaltet sogleich auf Angst und Flucht. Am Steuer sind also zwei evolutionär eingespielte Reflexe: der Belohnung hinterher jagen und das Risiko fliehen.

Wer steuert? Uralte Stammesgewohnheiten. Ergo: Selbst wenn das Modell Pfand komplett überzeugte – der real existierende Mensch ist und bleibt (gemessen an so viel Rationalität) ein Anachronismus.

Aber mit Gewissen? Post festum. Tiere nehmen sich das Nötige und denken nicht gross nach. Der Mensch rodet und planiert, fällt die Wälder und lässt die Arten sterben, unterschreibt Petitionen gegen die Nilpferdhaltung im Zirkus, und im Winter zieht er seinem Dackel ein rotes Strickleibchen über. Er haut eine Platane um – und zwei Dutzend Grosse Abendsegler sausen sehr unsanft zu Boden; doch wenn er die schlaftrunkenen Tiere sieht, denen soeben ihr Baumhaus eingestürzt ist, dann tut es ihm leid. Der Mensch hat ein Gewissen. Ja. Danach.

Die Littering-Gebühr macht sich keine Illusionen mehr. Sie glaubt weder an die Vernunft noch an ein Gewissen des Menschen. Sie verabschiedet sich vom Glauben an die Bekehrung der Sünder. Das Pflichtpfand wollte sie (löblich rational, darum fragwürdig) in die Verantwortung nehmen. Die Litteringgebühr entlässt sie aus der Pflicht, sie delegiert Verantwortung an Räumungsagenturen. Ordnung muss sein. Schafft sie der Bürger nicht mehr selber, übernimmt der Staat – und kassiert. Der Rest läuft nach dem Prinzip: Aus den Augen, aus dem Sinn.

Läuft schon heute so. Nur dass nicht die Littering-Verursacher bezahlen, sondern wir Steuerzahler. Ändert sich das mit einer Litteringgebühr? Kommen da die Verursacher an die Kasse? Nein: die Getränkekäufer. Zum Beispiel ich, obwohl ich meine Flaschen in feiner Gesellschaft im eigenen Garten fleissig leere, später brav entsorge. Ausgerechnet ich werde also abgabenmässig gleichgeschaltet mit den barbarischen Fanhorden und dem Zürcher Street Parade–People, dieser Pinkel-Horde! Impertinenter Denkfehler! Schuld an der öffentlichen Sauerei ist nicht die Anzahl Flaschen, die wir kaufen. Littering kommt aus einer bestimmten Haltung – und aus Situationen (z.B. Massen-Party). Bekanntlich hat der Mensch zwei Seelen, ach, in seiner Brust. Er kann im eigenen Büro eine beängstigend propere Ordnung halten – und auf der Wochenend-Party am See ein exemplarischer Schweinehund sein. Gelegenheit macht Littering. Wenn schon, wäre über eine Party-Gebühr zu diskutieren.

Warum an der Seepromenade? Weil hier ein Abstand ist zwischen uns und den Folgen unseres Tuns. Daran ist nicht die Flasche schuld. Eher unsere nomadische Lebensart. Wozu ist der Mensch auf Erden? Einst: um sich zu bewähren. Jammertal. Permanent im Prüfungsmodus – mit Blick auf himmlische Freuden oder höllische Qualen. Das Auge Gottes sah alles. Darum: kein Littering. Heute: Wir sind auf der Welt, um Party zu machen. Kürzlich hörte ich, wie ein Nachrichtensprecher sich verabschiedete: „Weiterhin viel Spass!“

Zum Spass mag vieles gehören – sicher nicht das Aufräumen danach. Den Dreck selber wegräumen? Spiessig. Die Litteringgebühr verstärkt die Haltung: Wir sind Gäste, nach der Party ziehen wir weiter. Die Putz-Equipe wartet schon, die Rechnung bitte an die Getränkeindustrie. Littering wird so zu einer Sünde, für die der Ablass schon bezahlt ist. Wir verhalten uns wie Kinder, die ihre Klamotten umso fleissiger verdrecken, je schärfer die Mutter darauf ist, sie sofort durch den Weichspüler zu jagen.

Habe ich behauptet, von der Sache etwas zu verstehen? Ich habe bloss eine Ahnung, wie Menschen ticken. Wenn sie zum Beispiel sehen, dass, was sie tun, ohne Folgen bleibt. Eine Litteringgebühr fördert die Illusion der Folgenlosigkeit des Vermüllens. Der Dreck verschwindet ja stets, warum soll ich ihn dann nicht liegen lassen? Die Gesellschaft wird selbstreinigend. Irgendwie toll: wohl organisierte Verantwortungslosigkeit.  Wir wissen nicht, was wir tun. Herrlich. Oder wäre es besser umgekehrt? Vor Augen lassen, was wir anrichten? Wer wir? Doch nicht wir Flaschenkäufer.

Letztlich die Frage: In welcher Welt wollen wir leben: in einer irdisch durchzogenen – oder in einer künstlich purierten? Soll die Welt so clean funktionieren wie eine kalte Maschine – oder eher erhitzt wie ein lebendiger Organismus voller Adrenalin, Affekt und Gier? Sie entstand schon nicht im moralischen Dialog über Flaschen. Sondern im Urknall. Der Herr liess es krachen. Und die Welt bleibt spannender, wo sie danach aussieht. Etwas Dreck am Stecken wirkt interessanter. Macht gesünder.

Oder wollen wir werden wie der Ameisenstaat? Da wird der Abfall sofort beseitigt (durch Extra-Brigaden), da gibt es auch sonst keine Pannen, keine Sünden, alles läuft maximal effizient. Freilich gibt es auch keinen Humor, keine Träume, keine Leidenschaft, keinen Kater. Wenn alles funktioniert, gibt es keinen Reibungsverlust. Die Bedingung: Alle individuellen Bedürfnisse sind ausgeschaltet. Ameisen haben Sexualität komplett aus ihrem Leben verbannt, an die Königin delegiert. Ergebnis: Null Dominanzkämpfe wie bei Affenhorden. Lohnt sich das?

Habe ich alles kompliziert statt vereinfacht? Dann ist mein Ziel erreicht.

 


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