«Nur was noch wie eine Pflanze ausschaut, soll ins Grüngut»

Statt auf konventionelles Plastik setzen Detailhandel und Nischenanbieter immer mehr auf kompostierbare Artikel: vom Palmblattteller für die Party bis zu Kleidern aus Holzfasern. Grün ist gut – aber nicht ganz unproblematisch, wie eine Betrachtung mit dem Grüngutexperten Daniel Trachsel zeigt.

Am Geburtstagsfest soll umweltfreundlich gefeiert werden. Statt Plastiktellern kommen «kompostierbare » Palmblattteller und Besteck aus Bioplastik zum Einsatz. Getragen wird dabei ein T-Shirt von Calida aus Mikrofaser, das irgendwann ebenfalls im Grüngut landen könnte. Das Marketing in der neuen grünen Welt beruhigt das Gewissen und lässt viele Konsumentinnen und Konsumenten beim Einkauf zu genau solchen Artikeln greifen. Auch Daniel Trachsel ging bei den beiden grössten Detailhändlern der Schweiz, Migros und Coop, auf die Suche, kam aber doch mit einigem Stirnrunzeln und verschiedenen Einwänden wieder aus den Filialen heraus. Und dies liegt nicht einmal an den Produkten selbst.

Wie wird die Botschaft wirklich verstanden?

Daniel Trachsel ist Beauftragter RT BAW (Runder Tisch biologisch abbaubare Werkstoffe) beim Branchenverband Biomasse Suisse und administrativer Leiter beim Grüngutverarbeiter KEWU AG in Krauchthal. Seit Jahren ist er hautnah mit der Thematik konfrontiert, was als «kompostierbar » gilt und was nicht. Das Dilemma in diesem Bereich ist gross – und dies bei den Experten genauso wie bei den Laien. «Wenn wir den Konsumenten kommunizieren, dass sie ihre Rüst- und Speiseabfälle in einem speziell gekennzeichneten kompostierbaren Compobag in die Grünguttonne geben können, dann stimmt das. Wenn in einer Überbauung mit 50 Wohnungen 49 Parteien das richtig machen, aber nur in einer Wohnung ein Plastiksack verwendet wird, haben wir ein Problem.» Das sei eine der grössten Herausforderungen, «weil das Thema eigentlich nicht kommunizierbar ist».

Fremdstoffe als grösstes Problem

Sind kompostierbare Compobags erlaubt, finden sich auch konventionelle Plastiksäcke im Grüngut. Werde gesagt, verdorbene Lebensmittel können in den Compobags entsorgt werden, lande abgelaufener Salami in der Plastikverpackung genauso darin wie die angeschimmelte Wassermelone in der Plastikfolie. Werden nach der Party die Teller aus biologisch abbaubaren Fasern in die Grüntonne geworfen, folgen früher oder später auch Plastikteller. Liegt ein kompostierbares T-Shirt im grünen Container, geht es nicht lange und das Kunstfaseroberteil findet den Weg ebenfalls da hinein. Dies alles hat gemäss Daniel Trachsel noch weitere Folgen: «Das Team der Grüngutabfuhr schaut sich das Material beim Abholen jeweils an. Sind zu viele Fremdstoffe darin, wird der Container mit entsprechendem Hinweis ungeleert stehen gelassen. Wie sollen selbst Experten in diesem Moment erkennen, ob der Teller aus Plastik oder Biomaterial besteht? Unmöglich! »

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Welche im Detailhandel erhältlichen kompostierbaren Produkte gehören ins Grüngut, welche nicht? Daniel Trachsel gibt Auskunft.

Wie lange dauert die Zersetzung?

Bei einem Teller aus Palmblättern müsste doch das alles problemlos sein? «Leider nein», wirft Daniel Trachsel ein. «Wie gesagt, grundsätzlich ist der Teller schon kompostierbar, die Frage ist einfach, in welchem Zeitrahmen.» Dabei gebe es klare Vorschriften. Bei der Vergärung sind 20 bis 25 Tage Standard, beim Kompostieren 4 bis 8 Wochen. «Palmblattteller sind gemäss EN 13432 zertifiziert, was besagt, dass sie 12 Wochen für den Zerfallsprozess benötigen. Es ist also wahrscheinlich, dass grössere Teile dieses Tellers auf dem Acker eines Landwirtes landen.» Zu Recht wehre sich dieser dagegen und weigere sich, den Kompost weiterhin zu kaufen, «und somit haben wir in der Grüngutverwertung zusätzlich ein Qualitätsproblem». Und einen Konflikt mit dem Gesetzgeber: «Gemäss der neuen Abfallverordnung vom 1. Januar 2016 muss der Anteil von Fremdstoffen im Grüngut im Vergleich zu vorher um weitere 50 Prozent vermindert werden.»

Retrologistik ist gefragt

Ein weiteres Beispiel zeigt gemäss Daniel Trachsel auf, wie gut manchmal die Intentionen sind und wie wenig sich diese praktisch umsetzen lassen: «Ein Unternehmen produziert kompostierbare Kaffeekapseln. Es wurde eine 100-seitige Studie erstellt und die Kompostierbarkeit gemäss EN 13432 zertifiziert – mit der Vorgabe, die Kapseln auf 3 Millimeter zu schreddern. In der Praxis bei uns in der Grüngutverwertung schreddern wir aber auf 50 Millimeter. Fazit: Die Bakterien haben nicht genügend Angriffsfläche und die Kapseln zersetzen sich auch innerhalb von drei Monaten nicht.» Dazu komme auch hier: «Wenn jemand Kaffeekapseln in der Grünguttonne sieht und dann nicht kompostierbare Kapseln ebenfalls reinwirft, haben wir wieder dasselbe Problem mit den Fehleinwürfen.» Um solchen Problemen beizukommen, helfe eigentlich nur die Retrologistik, wie es etwa beim PET-Recycling ebenfalls angewendet werde: «Es braucht eine eigene Logistik, um bestimmte Fraktionen kanalisiert wieder zurückzubringen. » Bei den Kapseln müsste das genauso geschehen, wie es etwa Calida bei seinen kompostierbaren T-Shirts anbietet. «Der Textilhersteller sagt allerdings auch, dass seine T-Shirts im hauseigenen Kompost innert 6 bis 12 Monaten zerfallen, was aber dazu führen kann, dass es von Konsumenten eben doch in die öffentliche Grünguttonne gegeben wird und uns im Prozess Probleme beschert oder Nachahmer mit nicht kompostierbaren Textilien einlädt.»

Was gehört ins Grüngut?

Konsumenten sind gemäss Daniel Trachsel mit der ganzen Thematik überfordert: «Wie sollen sie wissen, was kompostierbar ist und was nicht?» Das hat alleine schon die kurze Einkaufstour gezeigt: Bei Coop und Migros werden die Palmblattteller als kompostierbar bezeichnet, der Teller aus Zuckerrohrfasern von der Migros tönt pflanzlich, soll aber trotzdem in den Hauskehricht – ebenso der Teller Elegance von Naturesse/ Coop aus Zuckerrohr- und Bambusfasern, obwohl auch dieser ja eigentlich biologisch abbaubar ist. «Ich würde gar nichts davon in die Grüngut- Abfuhr geben – einerseits wegen der genannten Gründe betreffend Abbauzeiten, andererseits, um negative Nachahmung respektive Fehleinwürfe zu verhindern.» Als einziges Produkt würde er die Apéro-Sticks Bambus von der Migros ins Grüngut geben, obwohl die weder als kompostierbar noch als biologisch abbaubar bezeichnet sind: «Da sehe ich noch die Pflanze dahinter, praktisch wie das Ästchen eines Baums.» Und genau dies sei ein neuer Ansatz auch für die Kommunikation. «Nur was noch irgendwie wie ein Pflanzenteil ausschaut, soll ins Grüngut», sagt Daniel Trachsel und weiss, dass er sich mit dieser Aussage auch in die Nesseln setzt, «aber es ist die klarste Vorgabe, um Fehleinwürfe weitgehend zu verhindern».